Zwischen Industrie und Natur

 
Ein Artikel aus dem haddak 1/2010

»Ruhrgebiet und wandern? Da ist doch nur alles grau und total einbetoniert!« Stimmt nicht, denn der »Ruhrpott« hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz schön gewandelt. Immer größere Flächen der früher mit Kohlenstaub überzogenen Region sind mittlerweile zu Parks oder Naturschutzgebieten renaturiert worden. Zudem findet man heute auf vielen Industriebrachen Kultur- und Freizeitangebote.

Wenn man hier wandern möchte, muss man sorgfältig planen

Doch auch wenn es mittlerweile im Ruhrgebiet wieder sehr grün geworden ist haben wir Probleme, große und zusammenhängende Wälder zu finden. Stadtwälder gibt es viele, aber leider sind diese auch relativ schnell durchwandert. Wenn man also hier wandern möchte, muss man vorher sorgfältiger planen, und genau überlegen, wo man nachts seine Kohte aufbauen will. Hier ist es wichtig sich die Karte genau anzusehen und zu überlegen, ob das Waldgebiet groß genug ist, damit man auch dann ungestört bleibt, wenn es am Wochenende von Spaziergängern, Joggern und Hundebesitzern nur so wimmelt. Unser Freitagshajk zum Pfingstlager ist zum Glück kein Problem, denn bei uns in Kettwig sind die Waldgebiete schon wieder etwas größer. Da die Ruhr nicht nur namensgebend für das Ruhrgebiet ist, sondern auch auf unserem Stammeswappen abgebildet ist, entschlossen wir uns zuletzt, den Ruhrhöhenweg zu bewandern. Von der Ruhrquelle bis … naja, soweit wie wir eben kommen. Dafür hatten wir allerdings erstmal nur ein Wochenende Zeit, und der Wanderweg misst immerhin 244 km, was wohl kaum machbar ist, aber den restlichen Weg wollten wir dann ein anderes Mal nachholen.

Die Ruhrquelle im sauerländischen Winterberg ist von Dortmund direkt mit dem Regionalexpress zu erreichen. Diese Tatsache nutzten wir aus, da wir den Ruhrhöhenweg in mehreren, mit der Bahn gut zu erreichenden, Etappen gehen wollten. Anstatt Wanderkarten zu benutzen, informierten wir uns im Vorfeld über das Internet und stellten erleichtert am Bahnhof in Winterberg fest, dass sowohl der Ruhrradweg als auch der Ruhrhöhenweg deutlich ausgeschildert sind. Dem im grauen Regenwetter weiß leuchtenden »XR« folgend, stapften wir los. Zunächst ging es vom Bahnhof bis zur Ruhrquelle. Beim Wandern merkten wir schon, dass nicht nur wir dieses lange Wochenende ausnutzen wollten, und dass vor allem Radfahrer auf dem Ruhrradweg unterwegs waren. Dieser ist mit nicht allzu großen Etappen auch gut in vier bis fünf Tagen zu schaffen.

Da wir die Ruhr ja meist nur auf ihren letzten 30 bis 40 km sehen, waren wir fasziniert von dem kleinen Rinnsal, das uns da an der Quelle entgegenfloss. Eine Zeitlang begleiteten wir den Bach, der bei späteren Begegnungen immer breiter und ansehnlicher wurde. Spätere Begegnungen? Ja, wir haben unterwegs mit müden Beinen feststellen müssen, dass dieser Weg nicht ohne Grund »Ruhrhöhenweg « heißt. Der Namensteil »Ruhr« bezeichnet hier lediglich, dass wir von der Quelle dieses Flusses bis zu seiner Mündung wandern können. Ohne diese Tatsache wäre der Name »Höhenweg« ausreichend gewesen, denn schon nach der nächsten Kurve ging der Weg bergauf. Anschließend ging es wieder hinab, um nach dem Durchqueren des Tals auf der anderen Ruhrseite wieder die nächste Höhe hinauf zu klettern. Von oben hatten wir aber oft wunderbare Ausblicke auf das Ruhrtal. Gerade im sauerländischen Teil wurden wir bei den vielen Anstiegen von Kreuzwegen begleitet, so dass wir von den vielen Stationen und unterschiedlich gestalteten Bildern und Skulpturen vom steilen Anstieg abgelenkt wurden. Eine weitere Besonderheit im sauerländischen Teil sind die Schützenfeste. So mussten wir beispielsweise mit knurrendem Magen und ohne Vorräte feststellen, dass an solchen Tagen die Geschäfte geschlossen bleiben.

Bis Menden hatten wir keine Probleme nachts einen ungestörten Schlafplatz zu finden. Zwar mussten wir hier schon darauf achten, dass wir abends planten, ob wir vor oder hinter der nächsten Stadt übernachten wollten; jedoch lagen die Städte weit genug auseinander und die Waldgebiete waren groß genug. Spätestens ab Schwerte merkten wir aber, dass wir das Ruhrgebiet erreicht hatten. Die Bebauung wurde dichter und wir begegneten viel mehr erholungssuchenden Spaziergängern. Hier war abends also doch eher ruhiges Verhalten erforderlich, um nicht mit unserer kleinen Lok entdeckt zu werden, so dass wir auch die Gitarre eingepackt ließen. Die erste große Ruhrgebietsstadt, die wir allerdings nur ganz im Süden streiften, war Dortmund. Hier führte der Weg an der Hohensyburg vorbei. Die nächsten Städte sind Bochum mit seinem Eisenbahnmuseum in Dahlhausen, Hattingen mit einer sehr schönen verwinkelten Fachwerk-Altstadt, die Krupp’sche »Villa Hügel« mit dem Baldeneysee in Essen, dann natürlich Kettwig, die Mülheimer Ruhrauen und – an der Mündung – der Innenhafen in Duisburg.

Wir haben bis jetzt nach zwei langen Wanderwochenenden Hattingen erreicht. Der Weg war echt schön und abwechslungsreich. Und im Gegensatz zu anderen Wanderwegen haben wir hier den Wandel der Ruhr richtig miterlebt. Vom kleinen verschlafenen Bach, der durch Wiesen, Felder und Wälder im Sauerland fließt, ist nach und nach ein immer größerer Fluss geworden, an dessen Ufer renaturierte Auen und alte Industrieanlagen liegen und der immer stärker zum Erholungsleben der Ruhrpöttler gehört. Wir können diesen Wanderweg jedem empfehlen, der das Ruhrgebiet kennen lernen möchte, denn nach den 244 km habt ihr euch nicht nur schrittweise dem Ruhrgebiet genähert, sondern ihr habt viele schöne Ecken gesehen und in der Ruhr einen guten Freund gefunden.

Anke & Britta, Stamm Wildgänse