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Belledonne – Leise weht der Wind

ign="justify">Das Lied vermittelt Fahrtenlust, Abenteuer und Sehnsucht in einem und gehört zu jeder guten Singerunde dazu. In einer solchen Singerunde ist die Idee geboren, den Belledonne zu besteigen. Nachdem Google und der Stamm Graue Adler, welcher das Lied geschrieben hat, ausgefragt wurden, fiel die Entscheidung den Berg zu besteigen. So fuhr über Vatertag 2013 eine kleine Gruppe von drei Abenteurern zum Belledonne – den Berg anzuschauen und in der Hoffnung, den Gipfel zu erreichen. Mit der Erkenntnis, dass der Schnee im Mai noch bis zum Gürtel reicht und der Berg für ein echtes Kind der Küste doch sehr steil ist, kam der Gipfel nicht näher.

Mit tollen Bildern in der Tasche und dem Ehrgeiz, allen von diesem Abenteuer zu berichten, kamen wir zurück in den hohen Norden.

ign="justify">Mit tollen Bildern in der Tasche und dem Ehrgeiz, allen von diesem Abenteuer zu berichten, kamen wir zurück in den hohen Norden. Eine Woche später, auf dem Pfingstlager, waren wir immer noch wie gebannt von dem Berg. Dies übertrug sich auf weitere Personen, die mit uns den Gipfel erstürmen wollten. Mit den Erfahrungen vom ersten Trip rollten die Vorbereitungen an. Nach ein paar Absagen und weiteren Zusagen für den Haik, standen die Crew und das Datum für den zweiten Trip endlich fest. Der Haik sollte im September stattfinden – ein Monat, in dem es zu früh für Schnee und zu spät für die große Hitze ist. So starteten wir am 13. September 2014 um sechs Uhr in der Früh unsere Fahrt zum Belledonne. Im Harz wurden noch schnell zwei weitere Crewmitglieder eingepackt und 14 Stunden später standen wir zu fünft am Fuß des Berges, der uns bereits mit seinem Anblick Respekt und Ehrfurcht einflößte. Mit Rührei und Speck im Bauch machten wir uns am nächsten Morgen auf den Weg nach oben, Richtung Gipfel. Mit jedem Schritt aufwärts kamen eine bessere Sicht und eine noch viel bessere Aussicht. Auf 1700m, knapp über der Baumgrenze, stand eine kleine Hütte, die uns in der Nacht als Schlafplatz diente. In der Dämmerung wurde die ganze Schönheit der Aussicht noch einmal deutlich – Grenoble bei Nacht. Wir sahen, wie die einzelnen Straßenzüge nach und nach beleuchtet wurden und zum Schluss ein Meer aus Lichtern unter uns zu sehen war.

ign="justify">Am zweiten Tag tippelten wir immer höher – bis auf 2300 m. Dass wir im September keine Steppen voller Blumen mehr sehen würden, war uns klar. Dass ganze Ziegen-Bataillone die Wiesen gedüngt hatten, fanden wir etwas »beschissen«. Unser Weg ging zwischen den Bergspitzen weiter zu den sehr klaren, blau leuchtenden Schmelzseen. Wenn wir zurückschauten, konnten wir kaum glauben, dass jemand aus der Richtung kommen kann, denn die Wege waren mit der Landschaft verschmolzen. In einem kleinen Tal mit Fluss, wo das Ziegen-Bataillon bereits gewesen war, stand ein richtiges Häuschen mit Plumpsklo und Doppelstockbetten. Dies alles war bilderbuchverdächtig.

Um Gewicht zu sparen, haben wir bei Globetrotter ein paar Trekkingessen mitgenommen – was für ein überteuerter, ungenießbarer kleiner Haufen Pampe. Alle, die den Gedanken gehabt haben, diese Tüten zu kaufen – lasst es sein, kauft lieber einen Sack Kartoffeln. Die sind lecker und machen satt.

ign="justify">Um Gewicht zu sparen, haben wir bei Globetrotter ein paar Trekkingessen mitgenommen – was für ein überteuerter, ungenießbarer kleiner Haufen Pampe. Alle, die den Gedanken gehabt haben, diese Tüten zu kaufen – lasst es sein, kauft lieber einen Sack Kartoffeln. Die sind lecker und machen satt. Wir schliefen in den Doppelbetten in diesem schönen Tal nicht alleine. Vier Portugiesen, die irgendwo in dieser Wildnis Montagearbeiten durchführten, nutzten das Häuschen ebenfalls. Sie starteten die Dieselgeneratoren, um TV zu sehen und grillten, nachdem wir hungrig unsere Pampe runter gewürgt hatten.

ign="justify">Am nächsten Morgen weckten uns die Sonnenstrahlen – oder eher den Rest von uns, der noch nicht von dem Schnarchen der vier Portugiesen wach war. Wir versteckten unsere Ausrüstung hinter dem Haus, nahmen nur das Wichtigste mit und brachen zum Gipfel des Belledonne auf. Wir gelangten immer tiefer in die schöne, ungezähmte Natur bis zu den kalten Steinen, die, je höher wir kamen, immer mehr mit kleinen Schneeinseln bedeckt waren. 200 Höhenmeter vor dem Gipfel kreuzten uns geisterhafte Wolkenberge, die uns die Sicht auf den quälenden, steilen Weg oft genug verbargen. Dann waren wir endlich oben am Gipfelkreuz. Und wie im Lied, waren alle Mühen, Schmerzen und verlorenen Kräfte vergessen. „Und der Wind weht leis“. Wie unwichtig alles auf einmal sein kann, wenn man so weit ins Tal sehen kann.

ign="justify">Wieder am Haus, ruhten wir uns richtig aus. Der vierte Tag war leider schon der Abstieg oder der Abschied – je nachdem, wie man es sehen möchte. Jeder Schritt abwärts wurde von einem lachenden Auge, aufgrund des guten Essens und von einem weinenden Auge, weil wir dieser wunderschönen Bergwelt den Rücken kehrten, begleitet. Am Nachmittag nach dem Abstieg gingen wir als Sightseeing-Touristen durch Grenoble und traten am nächsten Morgen die Heimreise an. Wieder zu Hause haben die Erinnerungen an den Belledonne immer noch etwas Unwirkliches. Ich kann jedem Abenteuerlustigen raten, diesen Berg zu erleben und hoffe, dass mich die Eile der Zivilisation nicht so schnell wieder einholt.

Socke, Stamm Eulen

Leise weht der Wind auf haddak.de.

Siegfried, der den Drachen vertrieb und tötete

war einmal ein Drache, der die Bewohner am Rhein das Fürchten lehrte. Keiner traute sich an ihn heran und so verehrten sie ihn und brachten ihm einmal im Jahr eine Jungfrau als Opfer. Eines Tages kam der mutige Siegfried ins Tal und versprach den Bewohnern die Jungfrau zu retten und den Drachen zu besiegen. Dies tat er auch und durch ein Bad im Drachenblut wurde er unverwundbar…

Der Sage nach kam der Drachenfels so zu seinem Namen. Er befindet sich zwischen Königswinter und Bad Honnef und ist ein Berg im Siebengebirge am Rhein. Mit 321 Höhenmetern eigentlich ein kleiner Berg, aber er gehört im Bezug auf die Bekanntheit zu den größten Europas. Im Mittelalter wurden von hier die Steine für den Bau des Kölner Doms abgetragen. Der Abbau des Gesteins Trachyt wurde erst 1836 gestoppt und so der Erhalt des Berges gesichert. Heute ist der ganze Berg Naturschutzgebiet und ein herrliches Ausflugsziel für Jedermann. Denn nach oben führen nicht nur verschiedene Wanderwege, sondern auch die Drachenfelsbahn macht den Aufstieg zu einem besonderen Ereignis. Wer noch klein und mutig ist, kann auch den alten, wackeligen, vielleicht auch sturen Transport wählen – den Esel.

Die Drachenfelsbahn führt einen direkt zur großen Aussichtsplattform und der Gaststätte. Von hier aus kann auch die Aussicht bis Bad Honnef genossen werden. Ein Stückchen höher liegt die Burgruine. Von der Ruine hat man einen wunderbaren Blick ins Rheintal sowie nach Bonn. Bei gutem Wetter sogar bis zum Kölner Dom.

Hat man sich für’s Wandern entschieden, kann man auf halbem Weg beim Drachenschloss (Museum) und der Nibelungenhalle (heute ein Zuhause für Reptilien und alte Gemälde) Halt machen und dort in der Vergangenheit verweilen.

Neben dem Drachenfels liegt der berühmte Petersberg, wo sich das Bundesgästehaus unserer Regierung befindet. Ansonsten sind rund herum viele Weinberge und wunderschöne Wanderwege, die das Pfadfinderherz höher schlagen lassen. Schaut doch mal bei eurer nächsten Stammes- oder Gruppenfahrt vorbei

Kathinka, Stamm Landesritter

Siegfried, der den Drachen vertrieb und tötete auf haddak.de.

Elbsandsteingebirge

 
Ein Artikel aus dem haddak 2/2007

Vom Elbstrom durchflossen, ist das Elbsandsteingebirge eine der schönsten Mittelge- birgslandschaften Europas. Die Sächsische Schweiz ist verkehrsmäßig gut erschlossen: Mit der Eisenbahn, dem Autobus, dem Schiff oder dem eigenen Pkw sind alle wichtigen Punkte gut zu erreichen. Dazwischen dehnen sich völlig verkehrsfreie Wald- und Felsengebiete aus. Ob als Wanderer oder als Bergsteiger, jeder kann hier seine Erfüllung finden.

In diesen knappen Worten trifft es der Autor eines Wanderführers zur Region ziemlich genau auf den Punkt, auch wenn ich befürchte, dass er das bis heute nicht weiß. Wer im Nationalpark Sächsische Schweiz auf Fahrt gehen will, sollte wissen, auf was er sich dort einlässt: Eine ganz wundervolle, vielseitige Landschaft, deren Reiz sich wohl schon zu DDR-Zeiten und früher vor allem bei Seniorenreisegruppen rumgesprochen zuhaben scheint. Und so sollte sich der einsame Wanderer nicht wundern, wenn er sich den – verkehrsmäßig gut erschlossenen Orten und Sehenswürdigkeiten schnaufend nähert und dort bereits fotografierende Touristenscharen vorfindet, die nach einem schnellen Knips! vom Picture Point auch schon wieder in ihre Reisebusse klettern und davon rauschen, nach Dresden, nach Hause oder in ihre Herbergen zum Kurkonzert.

Doch, Wanderer, es gibt Hoffnung für dich! Wende dich ab von den befahrenen Straßen und Schienen hinein in den Wald, zu den Felsentürmen und Höhlen und weiter über die grüne Grenze. Denn so überfüllt dieses Stückchen Elbe von Dresden hin bis zur tschechischen Grenze an einzelnen Stellen scheint, soviel weiter darüber hinaus reicht das, was gemeinhin sächsische und böhmische Schweiz genannt wird. Vor zwei Jahren durchhaikten wir mit unserer Gruppe ebendiese Landschaft, von Tschechien her kommend. Von Dresden aus schlängelt und zwängt sich ein Zug durch das enge Elbtal und bringt einen über die Grenze nach DéÀácin. Von dort aus gerät man leicht auf den Europäischen Fernwanderweg Eisenach-Budapest über den man – wenn man denn will – in wenigen Tagen zurück in deutsche Gefilde gerät.

Doch es lohnt sich sicher weiter vorzustoßen in den tschechischen Teil des Elbsandsteingebirges. Hier ist der Tourismus kaum zu spüren. So nah man auch an der Grenze ist, man landet gleich an Flecken fern abseits der großen Straßen. In den  pittoresk bis heruntergekommenen Örtchen, durch die wir kamen, hatte man vom Euro scheinbar noch nichts gehört und so scheiterten zunächst sämtliche unserer Versuche, eine Mahlzeit zu beschaffen. Um diese Erfahrung bist Du, lieber Wanderer, nun zum Glück gebracht, bereite Dich also besser vor als wir – es lohnt sich!

Gut gewappnet mit Karten, Geld und Sprachführer lässt sich diese Laune der Natur, die ausgewaschenen, canyonartigen Felsformationen, durch die sich tiefe Schluchten schneiden, gut erwandern. Auf der tschechischen Seite hat man diesen riesigen Abenteuerspielplatz für Kraxelamateure und Fotomotivjäger fast für sich allein und man kann sich mental auf den Rummel, den einen erwartet, einstellen: Der Kontrast an der Grenze könnte nicht größer sein: auf der einen Seite scheinbare Wildnis und Weite, auf der anderen Seite ein penibel ausgearbeitetes Wanderwegenetz, auf dem einem auch mal Mountainbiker und mit Nordic-Walking-Stöcken bewaffnete Muttchen begegnen. Doch sollte man sich davon keineswegs abschrecken lassen!

Eine dermaßen vielseitige Landschaft auf so kleinem Raum habe ich selten gesehen. Mal endet der Weg vor einer Leiter, die einen in ungeahnte Höhen bringt, mal öffnet sich plötzlich der Blick über das gesamte Elbtal. Und hat man einmal den Dreh raus, so findet man auch die sagenhaften Boofen: in den Sandstein gewaschene Höhlen und Felsvorsprünge in denen man, versteckt vor den Blicken der Nationalpark- wächter, fürstlich residieren kann. Eine solche Boofe für die Nacht zu finden überlasse ich jedoch Dir, lieber Wanderfreund, der Weg zu – unserer Höhle- bleibt an dieser Stelle ein Geheimnis …

Krista, Stamm Wikinger

Reiseführer unter 15 Euro

  • Franz Hasse, Rother Wanderführer. Elbsandsteingebirge, Bergverlag Rother.
  • Stefanie und Christian Reich, Outdoor. Sächsische Schweiz: Trekkingtour. Der Weg ist das Ziel, Stein Verlag.
  • Bernhard Pollmann, Sächsische Schweiz / Elbsandsteingebirge – Wanderführer. Tourenkarten. Höhenprofile. Wandertipps, Kompass Verlag.
  • Tassilo Wengel, Elbsandsteingebirge. 35 Wanderungen. 35 Detailkarten. Reiseinfo (Wandern kompakt), Bruckmann Verlag.

Zur ersten Orientierung im Netz

  • www.de.wikipedia.org/wiki/Elbsandsteingebirge
  • www.elbsandsteingebirge.de
  • www.saechsische-schweiz.de
  • www.nationalpark-sächsische-schweiz.de

Zwischen Industrie und Natur

 
Ein Artikel aus dem haddak 1/2010

»Ruhrgebiet und wandern? Da ist doch nur alles grau und total einbetoniert!« Stimmt nicht, denn der »Ruhrpott« hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz schön gewandelt. Immer größere Flächen der früher mit Kohlenstaub überzogenen Region sind mittlerweile zu Parks oder Naturschutzgebieten renaturiert worden. Zudem findet man heute auf vielen Industriebrachen Kultur- und Freizeitangebote.

Wenn man hier wandern möchte, muss man sorgfältig planen

Doch auch wenn es mittlerweile im Ruhrgebiet wieder sehr grün geworden ist haben wir Probleme, große und zusammenhängende Wälder zu finden. Stadtwälder gibt es viele, aber leider sind diese auch relativ schnell durchwandert. Wenn man also hier wandern möchte, muss man vorher sorgfältiger planen, und genau überlegen, wo man nachts seine Kohte aufbauen will. Hier ist es wichtig sich die Karte genau anzusehen und zu überlegen, ob das Waldgebiet groß genug ist, damit man auch dann ungestört bleibt, wenn es am Wochenende von Spaziergängern, Joggern und Hundebesitzern nur so wimmelt. Unser Freitagshajk zum Pfingstlager ist zum Glück kein Problem, denn bei uns in Kettwig sind die Waldgebiete schon wieder etwas größer. Da die Ruhr nicht nur namensgebend für das Ruhrgebiet ist, sondern auch auf unserem Stammeswappen abgebildet ist, entschlossen wir uns zuletzt, den Ruhrhöhenweg zu bewandern. Von der Ruhrquelle bis … naja, soweit wie wir eben kommen. Dafür hatten wir allerdings erstmal nur ein Wochenende Zeit, und der Wanderweg misst immerhin 244 km, was wohl kaum machbar ist, aber den restlichen Weg wollten wir dann ein anderes Mal nachholen.

Die Ruhrquelle im sauerländischen Winterberg ist von Dortmund direkt mit dem Regionalexpress zu erreichen. Diese Tatsache nutzten wir aus, da wir den Ruhrhöhenweg in mehreren, mit der Bahn gut zu erreichenden, Etappen gehen wollten. Anstatt Wanderkarten zu benutzen, informierten wir uns im Vorfeld über das Internet und stellten erleichtert am Bahnhof in Winterberg fest, dass sowohl der Ruhrradweg als auch der Ruhrhöhenweg deutlich ausgeschildert sind. Dem im grauen Regenwetter weiß leuchtenden »XR« folgend, stapften wir los. Zunächst ging es vom Bahnhof bis zur Ruhrquelle. Beim Wandern merkten wir schon, dass nicht nur wir dieses lange Wochenende ausnutzen wollten, und dass vor allem Radfahrer auf dem Ruhrradweg unterwegs waren. Dieser ist mit nicht allzu großen Etappen auch gut in vier bis fünf Tagen zu schaffen.

Da wir die Ruhr ja meist nur auf ihren letzten 30 bis 40 km sehen, waren wir fasziniert von dem kleinen Rinnsal, das uns da an der Quelle entgegenfloss. Eine Zeitlang begleiteten wir den Bach, der bei späteren Begegnungen immer breiter und ansehnlicher wurde. Spätere Begegnungen? Ja, wir haben unterwegs mit müden Beinen feststellen müssen, dass dieser Weg nicht ohne Grund »Ruhrhöhenweg « heißt. Der Namensteil »Ruhr« bezeichnet hier lediglich, dass wir von der Quelle dieses Flusses bis zu seiner Mündung wandern können. Ohne diese Tatsache wäre der Name »Höhenweg« ausreichend gewesen, denn schon nach der nächsten Kurve ging der Weg bergauf. Anschließend ging es wieder hinab, um nach dem Durchqueren des Tals auf der anderen Ruhrseite wieder die nächste Höhe hinauf zu klettern. Von oben hatten wir aber oft wunderbare Ausblicke auf das Ruhrtal. Gerade im sauerländischen Teil wurden wir bei den vielen Anstiegen von Kreuzwegen begleitet, so dass wir von den vielen Stationen und unterschiedlich gestalteten Bildern und Skulpturen vom steilen Anstieg abgelenkt wurden. Eine weitere Besonderheit im sauerländischen Teil sind die Schützenfeste. So mussten wir beispielsweise mit knurrendem Magen und ohne Vorräte feststellen, dass an solchen Tagen die Geschäfte geschlossen bleiben.

Bis Menden hatten wir keine Probleme nachts einen ungestörten Schlafplatz zu finden. Zwar mussten wir hier schon darauf achten, dass wir abends planten, ob wir vor oder hinter der nächsten Stadt übernachten wollten; jedoch lagen die Städte weit genug auseinander und die Waldgebiete waren groß genug. Spätestens ab Schwerte merkten wir aber, dass wir das Ruhrgebiet erreicht hatten. Die Bebauung wurde dichter und wir begegneten viel mehr erholungssuchenden Spaziergängern. Hier war abends also doch eher ruhiges Verhalten erforderlich, um nicht mit unserer kleinen Lok entdeckt zu werden, so dass wir auch die Gitarre eingepackt ließen. Die erste große Ruhrgebietsstadt, die wir allerdings nur ganz im Süden streiften, war Dortmund. Hier führte der Weg an der Hohensyburg vorbei. Die nächsten Städte sind Bochum mit seinem Eisenbahnmuseum in Dahlhausen, Hattingen mit einer sehr schönen verwinkelten Fachwerk-Altstadt, die Krupp’sche »Villa Hügel« mit dem Baldeneysee in Essen, dann natürlich Kettwig, die Mülheimer Ruhrauen und – an der Mündung – der Innenhafen in Duisburg.

Wir haben bis jetzt nach zwei langen Wanderwochenenden Hattingen erreicht. Der Weg war echt schön und abwechslungsreich. Und im Gegensatz zu anderen Wanderwegen haben wir hier den Wandel der Ruhr richtig miterlebt. Vom kleinen verschlafenen Bach, der durch Wiesen, Felder und Wälder im Sauerland fließt, ist nach und nach ein immer größerer Fluss geworden, an dessen Ufer renaturierte Auen und alte Industrieanlagen liegen und der immer stärker zum Erholungsleben der Ruhrpöttler gehört. Wir können diesen Wanderweg jedem empfehlen, der das Ruhrgebiet kennen lernen möchte, denn nach den 244 km habt ihr euch nicht nur schrittweise dem Ruhrgebiet genähert, sondern ihr habt viele schöne Ecken gesehen und in der Ruhr einen guten Freund gefunden.

Anke & Britta, Stamm Wildgänse

Rumänien – Straßenstaub im Wilden Osten

 

Nach anderthalb Tagen Zugfahrt kriechen wir aus unserem Schlafwagen. Der Nachtzug von Wien nach Bukarest fährt inzwischen durchs rumänische Flachland, und das erste Abenteuer liegt schon hinter uns: Nachts um vier weckt uns lautes Klopfen an der Tür. Kennen wir schon, Zöllner. Diesmal wohl die rumänischen. Pässe raus, verschlafen die Zöllner anblinzeln und fertig ist die Kiste. Ich bin schon fast wieder eingeschlafen, da höre ich aufgeregtes Diskutieren aus dem Nachbarabteil. Innerhalb von Sekunden stehen Thorsten und ich auf dem Gang – in Boxershorts. Ich helfe Sean in seinem Bett nach seinem Pass zu suchen. Gleichzeitig reden wir alle auf die Zöllner ein, dass wir nicht der Meinung sind, dass Sean hier und jetzt aussteigen sollte. Sie sind anderer Meinung, schließlich findet sich aber der Pass und sie ziehen ab.

Jetzt sind wir also fast da und der erste Eindruck, den wir durch die Zugfenster gewinnen, ist Fahrtenromantik pur: Aus dem Morgennebel, der nur wenig Sicht gibt, tauchen alle paar Meter kleine Heumieten auf. Hin und wieder rattern wir durch verschlafene Örtchen und die kleinen, einspurigen Asphaltsträßchen, die alle Nase lang die Schienen kreuzen, sind menschenverlassen.

Dann sind wir unterwegs. Wir wollen von Alba Iulia nach Norden laufen. Weder in Deutschland, noch vor Ort haben wir es geschafft, eine Wanderkarte zu bekommen. Daher sind wir mit einer 1:750.000 Straßenkarte unterwegs. Das Unterwegssein beginnen wir mit einer bald bewährten Einrichtung: der Mittagspause. Bis drei Uhr ist es dermaßen unerträglich heiß, dass an Bewegen, geschweige denn an Wandern, nicht zu denken ist. Wir klettern einmal über die Bahnschienen und sind schon außerhalb der Stadt. Im Westen türmt sich ein Sommergewitter auf, aber wir sind optimistisch, dass es vorbei zieht. Wir versuchen querfeldein Richtung Nordosten zu kommen. Nach kurzer Zeit kreuzt ein schmaler Fluss unseren Weg. Wir ziehen die Schuhe aus und waten aufs andere Ufer. Dort muss dann erst einmal die Böschung erklettert werden, dann kann’s weitergehen. Wenige Meter später stehen wir vor dem nächsten Fluss. Der ist jetzt leider deutlich zu tief und zu breit zum Durchwaten. Also folgen wir erst einmal dem Flusslauf. Da holt uns das Gewitter ein. Zwei heftige Windstöße und schon beginnt es wie aus Eimern zu gießen. Wir sprinten unter die Bäume am Ufer, viel Schutz bieten sie aber nicht. Wir packen Ponchos aus und halten sie über unsere Köpfe. Wenige Minuten später ist die Sonne wieder da. Wir folgen weiter dem Flusslauf und können bald eine Brücke erkennen. Blöderweise mündet direkt vor der Brücke der vorher durchquerte Fluss. Zusätzlich ist die Böschung hier so steil, dass wir zu unserer bewährten Furt zurückgehen und dort den Fluss erneut überqueren. Vor der Brücke befindet sich eine Grube mit Baggern. Die Baustelle wird von kläffenden, angeleinten Hunden bewacht. Ein Mensch ist nicht zu sehen. Die Brücke ist dann eine schmale Hängebrücke. Einige der Bretter sehen schon etwas vermodert aus, manche sind ersetzt, wenige fehlen ganz. Es passen keine zwei Leute nebeneinader und wir schicken immer Zweiergruppen mit ordentlich Abstand los. Es wackelt, knarzt und schaukelt, sie trägt uns aber sicher.

Zwei Tage später sind wir schon deutlich vertrauter mit dem Land und kommen zügig vorwärts. Inzwischen haben wir ein Ziel, die Kleinstadt Blaj. Durchqueren wir ein Dorf sind wir schnell umringt von freundlichen Dorfbewohnern. Wohin wir wollten, fragen sie auf Rumänisch und wir antworten »Blaj, Blaj«. »Da Blaj«, nicken sie und zeigen geradeaus, oder bedeuten uns, dass wir uns links halten sollen. Manchmal bekommen wir dann noch für jeden eine Tomate in die Hand gedrückt und werden einmal auch zu einem Kaffee eingeladen. In vielen Orten stehen einfach am Wegesrand Brunnen, aus denen wir Wasser schöpfen. In anderen stehen sie in den Innenhöfen der Häuser. Meist sind Frauen zu Hause und die lassen es sich dann nicht nehmen, eimerweise Wasser aus den Brunnen zu ziehen. Jeder Versuch, Hilfe bei der Arbeit anzubieten, scheitert.

Das Sommergewitter vom ersten Nachmittag bleibt für zwei Wochen der einzige Regenguss. Die Nächte sind daher klar und weil alles nur dünn besiedelt ist, der Mond gerade spät aufgeht und kaum Straßen beleuchtet sind, sehen wir abends einen unglaublich deutlichen, funkelnden, eindrücklichen Sternenhimmel. In der Siebenbürgischen Hügellandschaft dominiert Landwirtschaft das Erscheinungsbild. Morgens trifft man Männer, die mit Sensen auf den Schultern aufs Feld gehen, nachmittags kommen einem dann mit Heu oder Holz beladene Pferdewagen entgegen. Traktoren sind nur vereinzelt im Einsatz. An einem Morgen werden wir früh wach und reiben uns die Augen: Eine Kuhherde kommt langsam auf unsere Schlafsäcke zugetrottet. Irgendwann steht die erste Kuh wenige Meter vor uns. Ich stehe vorsichtshalber mal auf, damit sie nicht auf die Idee kommt über uns drüber zu laufen. Da eilt auch schon der Hirte herbei, schlägt einmal mit der Peitsche und die Herde zieht an uns vorbei den nebelumhangenen Hügel hinauf.

Die letzten Tage verbringen wir im Südzipfel der Karpaten. Dass der Bus, der angeblich dorthin fährt, nur an der zwölf Kilometer entfernten Straßenkreuzung hält, stört uns wenig. Außerhalb von Victoria schlagen wir an einer Wiese an einem Gebirgsbach unser Lager auf. Dass wir hier mehrere Tage bleiben, stört die Anwohner der nahen Wochenendhäuschen wenig. Bei einem Tagesausflug auf den höchsten rumänischen Gipfel finden wir mitten im Wald eine rot-weiß gestrichene Plastikschutzhütte. Von innen abschließbar. Von außen ist die Hütte ordentlich zerkratzt. Vielleicht Bärenkratzer? Vermutlich aber sind es die Spuren von anderen Wanderern, die wie wir den herumliegenden Metallschrott genutzt haben, um die Hütte zu erklettern. Dann sind wir auch schon auf der Heimfahrt. Zunächst werden wir vom Schulbus zum nächstgelegenen Bahnhof gefahren. Wir erleben noch einmal hautnah was es heißt, über die von Kratern übersähten Staubpisten zu brettern. Dann heißt es Zug fahren. Am Abend wollen wir in Alba Iulia in den Nachtzug einsteigen. Zwischendrin müssen wir einmal umsteigen. Für die Strecken von 50 bzw. 70 Kilometer brauchen wir 90 bzw. 120 Minuten.

Dann sitzen wir im Zug Richtung Heimat, bereiten uns auf hektische Grenzkontrollen vor und verlassen ein Fahrtenland, das einfacher, freundlicher und herzlicher kaum sein könnte.

Johannes, Stamm Draconis

Übrigens: Zwischendurch trafen wir drei Freunde vom Pfadfinderbund Boreas. Die haben sich dazu entschlossen, eine couragierte Entscheidung zu treffen – und gehen im kommenden Jahr in Rumänien auf Bundesfahrt.

Straßenstaub im Wilden Osten auf haddak.de.

Corfu-Trail – Mit Stiefeln und Sandalen in Griechenland

 

Als die Fähre der griechischen Minoan Lines in Venedig ablegt und ein strahlend blauer Morgen nicht nur die ruhige See beglückt, hängen 21 Wuppis freudig grinsend an der Reeling. Es ist der 12. August und unser Ziel heißt Griechenland.

Unter den Vorzeichen der sich auf Stammtischniveau bewegenden Pressekommentare zu den griechischen Staatsschulden übertönt das Schiffshorn alles und Venedig schwebt an uns vorbei. Byzantinischer Stil, Romantik, Gotik und Renaissance. Bürgerhäuser, schiefe Kirchtürme, Kanäle und Paläste. Wie in einem Panoptikum betrachten wir die marode Architektur einer vergangenen See- und Handelsmacht. Tönerne Ziegelsteine gesetzt auf unzähligen Pfählen aus Holz. Wie man weiß, sinkt die Lagunenstadt seit Jahrhunderten in den Schlamm.

An Bord ist von einer Krisenstimmung nichts zu spüren. Das Casino und der Swimming Pool sind geöffnet. Die Rettungsboote bleiben fest vertaut. Einfach gute Stimmung überall an Bord. Wir Älteren machen die erste Bekanntschaft mit dem flüssigen Begleiter für die nächsten Wochen: Mythos Bier. Andere fangen sich bald eine solare Überdosis ein.

Wir kommen am Abend des nächsten Tages in Korfu Stadt an und hier trennen sich die Fahrtengruppen. Unsere Gruppe, mit Magdi, Steffi, Andy, Tiago, Sammy, Denis und mir, findet nach einigen Schwierigkeiten ein Nachtquartier. Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus in den Süden nach Lefkimi. Von dort wollen wir eine Woche auf dem »Corfu-Trail« im Zick-Zack nach Norden wandern.

Beladen wie wir sind, mit dem Gepäck für drei Wochen und bei hochsommerlichen Temperaturen von mindestens 35 Grad im Schatten, wird uns sehr schnell klar, dass hier Anpassung der Schlüssel zum Erfolg ist. Notgedrungen stehen wir morgens um sechs noch vor der Sonne auf, um vor der Tageshitze zwei bis drei Stunden laufen zu können. Das kriegen wir ganz gut hin, auch wenn am Anfang keiner den Wecker haben will. Der freiwillige Weckdienst muss all seine Penetranz aufbringen, um die Schläfer an einen neuen Tag zu gewöhnen.

Einmal werden wir regelrecht überrumpelt. Und zwar bei der Kapelle, wo wir in einem uralten Olivenhain erwachen. Dort entdeckt uns früh morgens eine rüstige Kirchenmitarbeiterin. Nach einem ersten Schwall freundlicher Worte kehrt die Frau nach wenigen Minuten wieder zurück. Mit einer Kanne Kaffee, frischen Feigen und einer Flasche Ouzo. Wir sind so flexibel und lassen uns auf eine längere Verköstigung ein, auch wenn an diesem Morgen unser Timing etwas aus den Fugen gerät. Nach dem Verzehr der Köstlichkeiten sind wir aber in der Lage und dazu bestens gelaunt, die Verzögerung wieder aufzuholen.

Auf staubigen Wegen schlängeln wir uns durch die grüne Landschaft. Wir begegnen einer alten Witwe. Ganz in schwarz steht sie auf einem vergessenen Feld und bearbeitet mit ihrer Harke die trockene Krume. Calimera. Ihre schwere Arbeit bis ins höchste Alter ist wie ein Ausdruck der Liebe zur heimatlichen Erde.

Zypressen, Feigen und die allgegenwärtigen knorrigen Olivenwälder säumen unseren Weg. Manchmal sehen wir irgendwo einen Esel. Der steht natürlich im Schatten, winkt lustig mit seinen Ohren und lacht uns aus, weil wir in der Hitze die schweren Säcke schleppen. Nach wenigen Tagen hat jeder 19 Liter geschwitzt und morgens blühen auf unseren trockenen Klamotten salzige Blumen.In den Dörfern, wo der Alltag recht beschaulich erwacht, werden wir freundlich begrüßt und keiner nimmt uns krumm, dass wir Deutsche sind. Das Interesse an der griechischen Politik und an der EU scheint bei den Einheimischen nicht allzu stark ausgeprägt zu sein. Athen ist weit weg. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen auf Korfu sehr zufrieden sind, solange die Touristen nicht fern bleiben.

Bei Tageshitze ruhen wir an alten Kirchen oder auf einem Platz im Dorfe aus. Am besten dort, wo ein Becken Wasser spendet. Wir machen uns im Schatten eines alten Gemäuers breit oder unter mächtigen Platanen, die ihre grauen, borkigen Äste wie belaubte Elefantenrüssel kreuz und quer in den Himmel recken.

Führt uns der Trail am Meer entlang, suchen wir uns eine schöne Stelle am Strand und bauen uns aus Kohtenplanen und Ponchos einen Schatten. Als echte »Dharma-Gammler« sind wir auch in Ruhe beschäftigt. Denn wenn wir nicht essen oder trinken, diskutieren wir, lesen hochwichtige Bücher, die wir mit uns herumschleppen, üben uns mit der Gitarre oder riskieren auf einem Pappdeckel eine Partie Bauernschach gegen Sammy, unseren fünffachen Stadtmeister.

Als wir eines späten Nachmittags ein Dorf erreichen und abgekämpft den Pavillon im Zentrum besetzen, treten einige alte Herrschaften des Dorfes neugierig an uns heran. Vermutlich um unsere Kochkünste – insbesondere die von Steffi und Magdi – etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Nach vielen herzlichen Worten und nachdem sich der Abstand zu unseren Köchinnen auf konstant 1,30 Meter eingependelt hat, schenkt uns einer der glücklichen Rentner eine ca. neun Kilo schwere Melone, die er von der Pritsche eines alten Toyotas wuchtet.

Es dauert noch eine Weile, dann hat sich auch bei der Damenwelt herumgesprochen, dass eine lustige Gruppe aus »Germania« im Dorf lagert. Mit Einbruch der Dämmerung schwirrt plötzlich eine laute Schar schulpflichtiger Mädchen um uns herum. Diesmal ist Denis die Attraktion. Denn unser Jüngster ist erst 16 und kann Gitarre spielen. Und zwar mit freiem Oberkörper und viel Gepose. Die Mädchen sind begeistert und treiben mit Denis ihren Schabernack.

Bei Peleka steigen wir wieder zum Meer hinab. Am Ende des Strandes finden wir eine kleine von Felsen umrahmte Bucht. Ganze sechs Boote liegen hier im »Hafen«. Dort spannen wir an einem Felsen unser schwarzes Sonnensegel auf. Anschließend nehme ich die recht einfache »Hafenbar« unter die Lupe. Die Bar wird von einem 85-jährigen Griechen und seiner 49-jährigen Frau betrieben. Bei einem Mythos komme ich mit Costa, dem anderen Gast, ins Gespräch. Er verbringt dort jeden Tag viele Stunden, ist quasi Rentner und war früher mit der griechischen Marine in der Welt unterwegs. Damals, noch vor der deutschen Wiedervereinigung, hat er in Wismar eine unerfreuliche Geschichte mit schlechtem Ausgang erlebt. Es gab da eine Bekanntschaft und den Bruder, der sehr wenig davon hielt. Jedenfalls fuhr das Schiff ohne Costa ab und dieser hat ohne einen ordentlichen Prozess 17 Monate im Bau gesessen. Es sollten eigentlich 14 Jahre sein, doch seine Regierung konnte ihn schließlich freikaufen. Das ist lange her. Heute kümmert sich Costa um seine Mutter, sein Haus und die Hühner. Am Abend bietet er an, uns auf den höchsten Berg weit und breit zu fahren, von wo man einen einmaligen Ausblick auf die Insel haben soll. Denis, Tiago und Sammy fahren spontan mit.

Zwei Tage später sind wir auf dem griechischen Festland. Eigentlich wollen wir zum Olymp, stellen aber fest, dass die Anfahrt kompliziert und teuer wäre. Kurzfristig entscheiden wir uns für ein paar Tage im Pindos Gebirge und entern den Bus nach Konitsa in Zagori.

Am nächsten Nachmittag verschwinden wir aus der kleinen, lebendigen Stadt und steigen über die alte Steinbrücke in die Aöos Schlucht ein. Wir schaffen es im Dunkeln noch bis zum Kloster Stomio, welches auf einer Felsennase hoch über der Schlucht liegt. Das Kloster wurde im 2. Weltkrieg von deutschen Soldaten zerstört und wird seit ein paar Jahren wieder aufgebaut. Aus dem Kloster dringt kein Licht und wir können nichts hören. Also machen wir es uns vor dem Gemäuer beim Quellstein bequem.

Der neue Tag bringt unverhofft Besuch. Ein richtig feister Mischlingshund hat uns gefunden. Das Tier kriecht still und zaghaft an uns heran und möchte seine Gesellschaft anbieten. Die Hundedame ist sehr zutraulich und neben der enormen Leibesfülle beeindrucken uns ihre dunklen Augen mit dem wissenden Blick. Auf jeden Fall braucht der Hund einen Namen und spontan fällt »Chanti« (Kurzform von Chantalle). Und wie dieser Name, so hat vermutlich die besagte Hundedame ihre besten Jahre bereits hinter sich.

Auf jeden Fall zieht die Dame fortan mit und folgt uns, so gut sie kann. Rauf in die Berge zur Astraka-Hütte, wieder runter und weiter durch die unwegsame Vikos Schlucht. Drei Tage später erreichen wir das schöne Bergdorf Monodendri. Während wir uns im Kirchpark neben dem Dorfplatz von einem langen Aufstieg erholen, hat Chanti die Schnauze endgültig voll. Der Hund hat bestimmt zwei bis drei Kilo verloren und mit weiteren Schindereien ist bei uns zu rechnen. Sehr dezent hat sie sich aus dem Park geschlichen. Später sehen wir Chanti noch einmal. Locker durch die Gassen schlendernd mit ein paar feinen Touristen.

In dem augenscheinlich wohlhabenden Dorf Monodendri mit seinen herausgeputzten Steinhäusern geschah es auch das einzige Mal, dass wir von einem Lagerplatz verscheucht wurden. Und zwar auf eine ganz diskrete Art und Weise. Beim Einkauf klingelte plötzlich das Telefon in dem kleinen Krims-Krams-Laden und die sympathische Verkäuferin übermittelte mir den Wunsch vom anderen Ende der Leitung: »Bitte verlassen Sie den Park beim Dorfplatz!« Vermutlich hatte ein Offizieller des Dorfes die Bedenken der ansässigen Hotel- und Restaurantbesitzer gesammelt und auf sehr geschickte Weise an uns herangetragen. Immerhin wird uns eine Alternative empfohlen, wo wir über Nacht niemanden stören können. Das neue Amphitheater am Rande der Vikos Schlucht.

Sofort erinnere ich mich an das Theater und an die Worte eines Kellners, als wir ihn Stunden zuvor bei einem Mythos auf den Neubau angesprochen haben. Die Anlage sei auf alten Überresten errichtet worden. Private Gönner hätten das Amphitheater und seine Nebengebäude spendiert. Auf unsere Frage, wie denn eine so große Freilichtbühne von den Dorfbewohnern genutzt werde, antwortete er nur mit einem Achselzucken. Bis auf zwei bis drei kulturelle Pflichtveranstaltungen im Jahr stehe der Komplex völlig ungenutzt herum. Seiner Meinung nach wollen die Gäste, welche Monodendri besuchen, in erster Linie Essen und Trinken und nicht mit anspruchsvoller Musik und Theater behelligt werden.

Ratzfatz sind wir in dem Amphitheater eingezogen. Es gibt sogar einen Wasserhahn, der funktioniert und bald hängen unsere Socken auf einer Leine. Denis ist von der Akkustik ganz angetan. Er baut sich mit seiner Gitarre in der Mitte der Orchestra auf und spielt vor 2 000 leeren Plätzen. Unser Applaus ist überwältigend. Quasi frisch geduscht speisen wir abends gepflegt zu Tisch am oberen Rand des Theatrons. Welch eine Nacht. Funkelndes Gestirn und tausend Zikaden wetteifern in ihrem ewigen Konzert.

Früh am Morgen verlassen wir die Bergwelt des Pindus Gebirges und erreichen mit dem Bus Kalambaka. Dort werden wir am nächsten Tag die anderen Fahrtengruppen treffen und drei Tage gemeinsam chillen, feiern und die Felsen von Meteora erkunden. Zwei Tage später stoßen wir bei unserer Wanderung durch die Felsengärten das erste Mal auf eine Klosteranlage. Tief unten im Tal ist das Kloster unzugänglich wie ein Adlerhorst auf die Kuppe eines freistehenden Felsens gesetzt. Als ich den Kopf zum Himmel hebe, sehe ich hoch über allem ein gigantisches Blau und ein paar Geier, die in der Thermik kreisen.

Nobby, Stamm Graf Luckner

Mit Stiefeln und Sandalen in Griechenland auf haddak.de.